Einfach leben

Einfach leben - Verzichten auf was man weder braucht noch begehrt; Auf Dinge die es folglich auch nicht wert sind Zeit und Energie auf sie zu ver(sch)wenden.

Für den in die Arbeitswelt der Industriegesellschaft eingebundenen Menschen macht es keinen Sinn auf Dinge zu verzichten die er sich leisten kann. Das Geld, das er als Gegenleistung dafür erhält dass er praktisch seine gesamte produktive Zeit an einen Arbeitgeber "verpachtet" hat, ist nämlich per se ebenso wert- wie sinnlos. Geld entfaltet seinen Wert und seinen Sinn erst in dem Moment in dem es gegen Güter oder Dienstleistungen eingetauscht wird.

Weil der Arbeitnehmer kaum Möglichkeiten hat seine Arbeitszeit an seinen tatsächlichebn Bedarf anzupassen - bleibt ihm gar nichts anderes übrig als sein Einkommen früher oder später zu verkonsumieren, wenn er Sinn/Nutzen realisieren möchte. Er konsumiert auch Dinge die er nur deshalb konsumiert weil die Alternative ein Besitz von Geld wäre, das nutz-/sinnloser wäre als sogar banaler Konsum.


Warum ist die heutige gesellschaftliche Realität so weit von dieser natürlichen, rationalen und ökonomischen Herangehensweise entfernt? So weit entfernt davon nur besitzen oder nutzen zu können wofür man wirklich gerne bereit ist Einsatz zu leisten.

Die Ursache liegt in der Industrialisierung. Sie hatte zur Folge daß menschliche Arbeitskraft an die Ökonomie der Maschine angepaßt ist. Der einzelne Mensch arbeiet - wie die Maschine - am wirtschaftlichsten wenn er möglichst seine gesamte produktive Zeit arbeitet.
Um wirtschaftlich zu sein müssen Maschinen ausgelastet sein. Eine ohne Unterbrechung laufende Maschine benötigt austauschbare Arbeiter die nach einem vorgegebenen Schema verlässlich zur Stelle sind.
Nicht der "Geldbedarf" des Arbeiters entscheidet darüber wann und wie lange er arbeitet - sondern die Ökonomie des Betriebs.
Wenige gut eingearbeitete Arbeiter sind wirtschaftlicher und auch leichter zu organisieren als viele Arbeiter die zu Beginn einer jeden Schicht auch erst wieder "in ihren Arbeitstakt finden müssen".

Der einzelne Arbeiter "verpachtete" somit den großteil seiner verfügbaren produktiven Zeit an den Arbeitgeber. Folglich muß der Lohn den Arbeitnehmer auch weitgehend von anderen Tätigkeiten frei stellen. Die Freizeit dient der Regeneration der Produktivität des Arbeitnehmers.

Der Arbeitnehmer hatte nun nicht nur kaum mehr produktive Zeit übrig - es fehlte zunehmend auch der Anreiz überhaupt noch geistig und praktisch aktiv zu werden.
Das Hobby als "Spielraum" für geistige und praktische Aktivität entwickelte sich auch immer mehr zu bloßem Konsum. So wie auch aus dem männlichen "Entdeckerdrang" immer mehr ein dumpfer Tourismus geworden ist mit Destinationen als bloße Kulisse.

Nicht mehr die eigenen Bedürfnisse und Wünsche bestimmen darüber wie viel Zeit man arbeitet - sondern das verfügbare Einkommen motiviert weitere Begehrlichkeiten zu entwickeln. Einen Grenznutzen der dem Grenzen setzt gibt es praktisch nicht. Es gibt nur eine Wahlmöglichkeit miteinander konkurrierende Wünsche zu entwickeln und zu befriedigen.


Einfach leben bedeutet die Herrschaft über die eigene produktive Lebenszeit wiederzuerlangen und diese nur für solche Dinge aufzuwänden die es einem Wert erscheinen zu ihrer Erlangung mit seiner einmaligen Lebenszeit zu bezahlen.

Dazu kommt auch die Erfahrung daß die eigenständige Befriedigung eines guten Teils der eigenen Bedürfnisse und Wünsche tatsächlich Freude macht. Es macht Freude Projekte von Anfang bis Ende selbst zu realisieren und das Erfolgserlebnis zu genießen. Auch weniger angenehme Tätigkeiten sind leichter zu ertragen wenn man sich anschließend wieder anderen Aufgaben zuwenden kann.

Das Leben ist so nie eintönig und auch frei von der Zeitausdehnung die der Arbeiter als depressive Langeweile erleben kann. Einfach leben bedeutet nicht weniger produktiv zu sein - es bedeutet nur weniger für Andere wirtschaftlich produktiv zu sein und deswegen weniger Dinge und Dienstleistungen konsumieren zu können die man eigentlich auch gar nicht wirklich will. Als "Gewinn" realisiert man das Fehlen jener negativen Gefühle und Stimmungen welche die meisten Arbeitnehmer mit ihrer Arbeit verbinden: Unlust, innere Leere, Stress...

Zu Bedenken ist dabei auch daß man auch als "Aussteiger" von der effektiven arbeitsteiligen konkurrierenden Wirtschaft profitiert. Selten waren Dinge so billig wie sie es heute sind. Selbstbestimmt und einfach zu Leben bedeutet heute nicht auf alle Annehmlichkeiten der Zivilistion verzichten zu müssen.
Man verzichtet auf die Dinge die man ohnehin nicht wirkklich will oder braucht.
Letzteres beginnt schon bei den Dinge die man kaufen - oder für die man mehr bezahlen - müßte WEIL man Arbeitnehmer ist!

Das teuerere Wohnen in Arbeitsplatznähe oder das Fahrzeug um diesen zu erreichen; Attribute des sozialen Rangs; ...
Und dann sind da noch die vielen Dinge die man selber machen kann, die selber zu machen dem Arbeitnehmer die Zeit fehlt.

Eng benachbart zur Einfachheit ist auch das Leben auf dem Land.

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